„Die energiepolitische Wende wird am Wasserstoff nicht vorbeikommen“

wald
STAUFEN MAGAZINE 2022 | No. 5 | SOLIDpower S.p.a. | Input

Die Solidpower-Gruppe ist eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Hochtemperatur-Brennstoffzellen-Technologie (SOFC, Solid Oxide Fuel Cells). An Standorten in Italien, Deutschland, der Schweiz und Australien entwickelt, fertigt und vertreibt die Gruppe Brennstoffzellen-Systeme für die Strom- und Wärmeerzeugung in Wohn- und Gewerbegebäuden.

DR. MARTIN FÜLLENBACH
CEO
SOLIDpower SpA

Dr. Martin Füllenbach ist seit 2021 CEO von Solidpower. Zuvor war er in gleicher Funktion für die börsennotierte Semperit AG Holding tätig. Der Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler hat umfangreiche Erfahrung in Führungspositionen in ganz Europa gesammelt und war in leitenden Positionen in einer Reihe von Technologieunternehmen wie z. B. Oerlikon, Voith Turbo und EADS tätig.

Zu dem Zeitpunkt als Dr. Martin Füllenbach und Wilhelm Goschy auf dem Bildschirm der Videokonferenz zu diesem Artikel erscheinen, ist die Nervosität groß. Nein, nicht beim CEO der Solidpower-Gruppe (zugeschaltet vom Hauptsitz im italienischen Mezzolombardo) oder beim Staufen-CEO (zugeschaltet aus der Staufen-Zentrale in Köngen bei Stuttgart) wegen des anstehenden Gesprächs für das Staufen Magazine, sondern bei Politiker*innen sowie den privaten und industriellen Gaskunden. Hatte doch wenige Tage zuvor die routinemäßige Wartung der Gaspipeline Nord Stream 1 begonnen – verbunden mit der Sorge, ob Russland den Gashahn nach Abschluss der Wartung wieder aufdrehen würde.

„Die infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine eingetretene Energiekrise hat dem Thema Nachhaltigkeit eine noch mal größere Bedeutung gegeben“, meint Goschy. „Hatten viele Unternehmen – wie auch unsere Studie ‚Green Transformation‘ (siehe S. 18) zeigt – bisher keine oder eher eine mittelfristig ausgerichtete grüne Strategie, so hat sich dieser Zeitstrahl nun radikal verkürzt.“ Fieberhaft wird nach neuen Energiequellen sowie schnell umsetzbaren Einsparmöglichkeiten gesucht.

Eine Alternative ist die Brennstoffzellen-Technologie der Solidpower-Gruppe. „Für uns als Berater ist es sehr spannend, Solidpower nicht nur auf dem Weg vom Start-up zum Serienfertiger zu begleiten, sondern dank eines so hochinnovativen Kunden auch auf der Technologieseite stets auf dem neuesten Stand zu sein und Einblicke in die Energieversorgung der Zukunft zu erhalten – Stichwort Wasserstoff“, sagt Staufen-CEO Wilhelm Goschy. Wie Solidpower – seit Mitte 2022 auch Teil der von der EU-Kommission initiierten European Clean Hydrogen Alliance – sich aktuell aufstellt und was die Politik für den grünen Wandel noch leisten müsste, erläutert Solidpower-CEO Martin Füllenbach:

Herr Dr. Füllenbach, was ist das Besondere an den Solidpower-Brennstoffzellen?

Solidpower gibt es jetzt rund 16 Jahre. Wie von Herrn Goschy erwähnt, befinden wir uns auf dem Weg vom einstigen Start-up hin zum Industrieunternehmen – mit aktuell immerhin schon 250 Mitarbeitenden.

Unsere Spezialität sind Festoxid-Brennstoffzellen, die sicherlich anspruchsvollste, aber gleichzeitig in Bezug auf Dauerlast auch standfesteste Technologie in diesem Bereich. Zudem können wir in unseren Brennstoffzellen zur Erzeugung von Elektrizität und Wärme alle möglichen Formen von Gas verwenden – Erdgas, LNG, Wasserstoff. Die zwei wesentlichen Vorteile unserer Technologie: signifikant niedrigere Stromkosten und ein deutlich höherer Wirkungsgrad als bei der konventionellen Verbrennung von Gas zur Wärmeerzeugung.

Das Mikro-KWK-System basiert auf zukunftsweisender Brennstoffzellentechnologie.

Bisher setzen Sie Ihre Technologie in Form von Micro-Kraftwerken in Privathaushalten und kleineren Gewerbeimmobilien ein. Ist künftig auch eine Anwendung im industriellen Sektor denkbar?

Nach der 1,5-KW-Anlage entwickeln wir aktuell eine 8-KW-Anlage. Hier sind wir dann im industriellen Bereich unterwegs. Denken Sie zum Beispiel an die Kühlung von Logistikhallen für verderbliche Waren. Der viel signifikantere Schritt, ja Strategiewechsel passiert aber an einer anderen Stelle. Denn haben wir bisher mit unseren Anlagen aus Gas Strom gemacht, machen wir künftig auch aus Strom Gas. Vereinfacht gesagt drehen wir unsere Technologie um und steigen damit in die Herstellung von Anlagen zur Erzeugung von Wasserstoff ein.

Wären dann beispielsweise auch große Hersteller von sogenanntem grünen Stahl potenzielle Kunden für Sie?

Absolut, diese Lösung ist ohne Probleme skalierbar.

Gerade in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass es bei der Energiewende nicht immer darum geht, wirklich die beste Idee zu finden. Wo sehen Sie Solidpower in diesem „Wettbewerb“?

Es gibt noch immer grundsätzliche Vorurteile gegenüber dem Wasserstoff. Ist Wasserstoff nur ein Hype, über den in ein paar Jahren keiner mehr spricht? Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil: Die energiepolitische Wende wird am Wasserstoff nicht vorbeikommen. Laut einer McKinsey-Analyse wird 2030 die Nachfrage nach Wasserstoff allein im Rahmen des Green Deal der EU die vorhersehbare Wasserstoff-Produktionskapazität um das Doppelte übersteigen. Auch wenn wir noch ein relativ kleiner Player sind, werden wir unsere Rolle auf diesem Markt spielen.

Wie lange wird Ihr technologischer Vorsprung ausreichen, um sich gegen die beim Thema Wasserstoff langsam aufwachenden „Riesen“ zu behaupten?

Wir kennen die Lernkurve bei der Festoxid-Brennstoffzelle ziemlich genau und haben in den vergangenen Jahren rund 280 Millionen Euro in diese Technologie investiert – das ist schon eine Hausnummer. In Kombination mit der prognostizierten Übernachfrage nach Wasserstoff bin ich daher auf eine Sicht von mindestens 5 bis 7 Jahren noch sehr entspannt.

In Deutschland wird mit der Energiewende gern die Hoffnung verbunden, sich auf diesem Feld als Technologieführer positionieren zu können, um den Verlust alter Domänen – Stichwort Verbrennungsmotor – zu kompensieren. Ist diese Hoffnung beim Thema Wasserstoff aus Ihrer Sicht realistisch?

Auch die Koreaner, Japaner und die Chinesen sowieso sind hier sehr aktiv. Aber es ist klar erkennbar, dass sich Deutschland entschlossen diesem Thema widmet. Deutsche Technologie wird eine Rolle spielen.

Was müsste die deutsche Politik tun, damit Ihre Prognose optimistischer ausfällt?

In anderen Ländern gibt es viel konzertiertere Maßnahmen. Wir sind ja ein italienisches Unternehmen. Der italienische Staat ist beim Thema Wasserstoff sehr engagiert und agiert aus einem Guss. Es ist also echter Gestaltungswille erkennbar, während in Deutschland immer alles gleich so kompliziert ist. Einem Start-up stellt sich die Frage: Möchte man sich wirklich in Deutschland ansiedeln? Die Punkte digitale Infrastruktur, schlechtes Mobilfunknetz und eine immer noch überwiegend analoge Verwaltung sind ja hinlänglich bekannt.

Eine kurze Frage zum Schluss: Was ist aktuell Ihre wichtigste Aufgabe als CEO?

Es sind zwei gleichwertige Aufgaben: erstens die Suche nach Investoren und zweitens die Suche nach Talenten. Die junge Generation wird von ganz anderen Dingen angetrieben als wir damals. Der Dreiklang Studium, Karriere, Geld zieht heute nicht mehr. Um Talente zu finden und an sich zu binden, müssen Sie Rahmenbedingungen schaffen, die junge Menschen auf ganz vielen Feldern (Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, moderne Arbeitsmodelle etc.) überzeugen. Das ist definitiv die größte Herausforderung, und sie entscheidet über die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

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